Lehre: 2 Thess 2,7: "aus der Mitte hervorgegangen"

2 Th 2,7: „aus der Mitte hervorgegangen“, im Gr.: ek mesou geneetai

 

(Aus dem neuen Jantzen NT)

5 Erinnert ihr euch nicht, dass ich euch dieses sagte, als ich noch bei euch war? 6 Und nun, was zurückhält, dass er enthüllt werde zu seiner ‹eigenen› bestimmten Zeit, wisst ihr; 7 denn das Geheimnis der Gesetzlosigkeit ist schon am Wirken; nur [ist] der [da], der jetzt zurückhält, bis es aus der Mitte hervorgegangen ist; 8 und dann wird enthüllt werden der Gesetzlose, den der Herr durch den Hauch seines Mundes vertilgen und durch die Erscheinung seiner Ankunft unwirksam machen wird, [ihn], dessen Ankunft nach dem Wirken des Satans ist in aller falschen Kraft und [mit allen falschen] Zeichen und Wundern und in allem Betrug der Ungerechtigkeit unter denen, die ins Verderben gehen, dafür, dass sie die Liebe zur Wahrheit nicht annahmen dazu, dass sie gerettet würden. 11 Deswegen wird Gott ihnen eine wirksame Irreführung schicken, um das Falsche zu glauben, 12 damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht glaubten, sondern an der Ungerechtigkeit Wohlgefallen hatten. 

a) Zum Wort geneetai
    Die Primärbedeutung des zugrunde liegenden Verbs ginesthai ist „werden“, „entstehen“ (30). So kann z. B. eine Stimme aus dem Himmel „kommen“ bzw. „geschehen“ (Mk 1,11), Frucht „hervorkommen“ (Mt 21,19), Neid „entstehen“ (1Tm 6,4).
    Wenn hier zuerst davon die Rede ist, dass die Gesetzlosigkeit im Verborgenen am Wirken ist, darf angenommen werden, dass die Konstruktion ek mesou geneetai ein „Hervorwerden“ bzw. „Hervorkommen“ (dieses Geheimnisses der Gesetzlosigkeit) bedeutet, nicht ein „Entfernen“. Die Bedeutung „entfernen“ hat das Verb ginesthai weder im NT noch in der gr. Üsg. des AT. Dieser Gedanke, so vermutet man, dürfte über das Lateinische in unsere Übersetzungen gekommen sein (s. unten).

b) Zum Ausdruck ek mesou mit geneetai
    Newton weist darauf hin, dass ek mesou (aus der Mitte) nur dann den Sinn von „aus der Mitte weg“ bekommt, wenn es in Verbindung mit Verben wie airein, exairein, exerchesthai, harpadsein steht, und zwar aufgrund eben dieser Verben (so z. B. in Kol 2,14 und Jes 52,11). Wenn ek mesou aber in Verbindung mit ginesthai (werden, entstehen) steht und sich auf etwas bezieht, das bisher verborgen war, kann es nur die Bedeutung „aus der Mitte hervor“ haben. (Zur Bedeutung „hervor“ für ek mesou vgl. die gr. Üsg. von 4M 25,7; 5M 4,15; 4,33.36; 5,22-26; 2Kg 9,2; Ps 74,11; 104,12; Jer 49,19; Sac 6,1.)
    Barnouin zeigt auf, dass die Formel „aus der Mitte“ nicht notwendigerweise ein Objekt verlangt. Der Sinn ist einfach, dass [das Geheimnis der Gesetzlosigkeit] von dort hervorkommt, worin es gehalten bzw. gewesen war, also aus der Verborgenheit hervor.
    Die Wendung ek mesou (w.: „aus [der] Mitte“; im AT die Übersetzung des hebr. mittooch bzw. miqereb) muss nicht die „Mitte“ betonen, sondern kann einfach „mitten aus etw. heraus“ / „mitten von etw. hervor“ bedeuten. (Vgl. die gr. Übersetzung von 1M 19,29; 2M 24,16; 4M 16,33; 5M 2,14.15; 4,12.15.33.36; 5,4.23; 15,11; 1Kg 8,51; Ps 74,11; Jer 6,1; 44,7; 50,8; 51,6; Am 6,4.) Daher wird in der gr. Übersetzung des hebr. AT der hebr. Ausdruck mittooch/miqereb oft auch lediglich mit ek (aus) übersetzt. (Z. B. 2M 3,2.4; 12,31; 28,1; 2M 33,11; 4M 14,44; 15,30; 5M 2,14.15; Ps 72,14; Spr 5,15; Jes 24,18) „Aus der Mitte“ und „aus“ können also im gr. AT synonym verwendet werden.

c) Zur Wendung heoos ek mesou geneetai
    Die wörtliche Übersetzung von heoos ek mesou geneetai ist: „bis er / es aus der Mitte [heraus] werde“. Vom Zusammenhang her kann man das „aus der Mitte werden“ hier wohl nicht im Sinne eines Entfernens deuten; denn wenn die Rede von etwas ist, das verborgen war, bedeutet die wörtliche Wendung: „aus der Mitte werden“ nicht: „entfernen“; das, was in einem verborgenen Zustand war, wird nicht „aus der Mitte entfernt“ (bzw. „entfernt sich“ nicht „aus der Mitte“), sondern tritt „mitten hervor“: V. 7: „bis es [d. i. das Geheimnis der Gesetzlosigkeit, das zwar schon am Wirken ist, aber im Verborgenen] mitten heraus entstanden [i. S. v.: hervorgegangen / hervorgekommen] ist“.
    Wenn in anderen Fällen im Gr. (unter Verwendung von ginesthai) das Element des Entfernens ausgedrückt werden soll, dann geschieht dieses zusammen mit der Präposition apo (weg): Vgl. 1P 2,24: „damit wir, den Sünden weggeworden [o.: entzogen / entfernt] (gr.: tais hamartiais apogenomenoi), für die Gerechtigkeit leben sollen“; Jh 9,22: „dass er aus der Synagogengemeinschaft [weg- / hinaus-]getan werden sollte (gr.: aposünagoogos geneetai)“.

d) Eine wörtliche Übersetzung von V. 6-8A würde lauten:
V. 6A: „Und jetzt das Zurückhaltende wisst ihr,“
V. 6M: „dass er enthüllt werde zu seiner Zeit;“
V. 7A: „denn das Geheimnis der Gesetzlosigkeit ist bereits am Wirken,“
V. 7M: „nur [ist] jetzt der Zurückhaltende [o.: der, der zurückhält],“
V. 7E: „bis es [bzw.: bis er] aus [der] Mitte geworden ist“
V. 8A: „Und dann wird der Gesetzlose enthüllt werden“
    Im Deutschen kann in V. 7M zu „ist“ ein „da“ eingefügt werden (31): „nur [ist] jetzt der Zurückhaltende [da]“; o.: „nur [ist] jetzt der, der zurückhält, [da]“.
    Bei der wörtlichen Übersetzung ist das Bezugswort zu ek mesou geneetai nicht „der Zurückhaltende“, sondern „das Geheimnis der Gesetzlosigkeit“. D. h., die Aussage ist nicht, dass der Zurückhaltende aus der Mitte entfernt wird, sondern dass das Geheimnis der Gesetzlosigkeit aus der Mitte [o.: mitten heraus] „wird / entsteht / kommt“, i. S. v. „hervorgeht / hervorkommt“. Weil das Verb in der 3. Pers. Einzahl steht, wäre auch ein Bezug auf den „Menschen der Sünde“ / „Sohn des Verderbens“ (V. 3; in V. 6: „er“) möglich.
    V. 7 lautet demnach: „denn das Geheimnis der Gesetzlosigkeit ist schon am Wirken; nur [ist] der [da], der jetzt zurückhält (32), bis es [o.: er] aus der Mitte hervorgegangen [o.: mitten hervorgekommen] ist“.
    Newton (Prospects und Notes Expository) schlägt für die Verse 6.7 die Übersetzung vor:
    „And ye know that at present there is that which restraineth, in order that he might be revealed in his season [and not before], (7) for the mystery of lawlessness is already working (only there is at present one that restraineth) until it become developed out of the midst ...“ (33)
    Zu Deutsch: „Und ihr wisst, dass jetzt das da ist, was zurückhält, damit er geoffenbart/enthüllt werde zu seiner bestimmten Zeit [und nicht vorher], (7) denn das Geheimnis der Gesetzlosigkeit ist schon am Wirken (nur ist jetzt einer da, der zurückhält), bis es entwickelt/manifestiert werde [o.: sich entwickle] aus der Mitte hervor …“
   
e) Zum Bezug von ek mesou geneetai
    Traditionellerweise werden die Wörter ek mesou geneetai (aus der Mitte werde) mit den Wörtern des vorausgehenden Teilsatzes (von V. 7) ho katechoon arti (der, der jetzt zurückhält) verbunden; aber dann geben diese Wörter (ho katechoon arti) den Sachverhalt doppelt wieder; sie bringen nichts Neues. Es wäre so, wie wenn man sagen würde: „nur ist einer da, der jetzt zurückhält, und er wird weiterhin zurückhalten, bis er entfernt wird, und dann wird er nicht mehr zurückhalten“. Aber in dem Wörtlein arti (jetzt / nun / gegenwärtig, V. 7A) wäre dieser Sachverhalt, dass das zurückhaltende Element einmal beseitigt würde, bereits angedeutet. In dem andern (in der vorliegenden Übersetzung vorgeschlagenen) Fall aber, d. h., in dem Fall, dass die Wörter ek mesou geneetai auf das Geheimnis der Gesetzlosigkeit bezogen werden (s. oben), lernen wir eine neue Wahrheit: Wir erfahren, dass das Geheimnis der Gesetzlosigkeit, das bisher als „Geheimnis“ (d. h., im Verborgenen) wirksam war, weiterhin im Verborgenen bleiben wird, bis – nicht bis der Antichristus kommt und es zum vollen Ausmaß bringt, sondern – bis es sich selber entwickelt hat (bis es „hervorgekommen ist“); und dann wird der Antichristus enthüllt werden. (34)
    Es wird also die Gesetzlosigkeit nicht durch den Antichristus kommen, sondern der Antichristus wird kommen, nachdem die Gesetzlosigkeit im vollen Ausmaß (aus dem Zustand der Verborgenheit) hervor gekommen sein wird. Der Text sagt, sie wird „mitten heraus entstehen / werden“. Dadurch wird die Szene für den Antichristus bereitet sein.
    M. Barnouin (35) kommt zu demselben Schluss für ek mesou geneetai: „aus [einer verborgenen Situation] hervorkommen“. Er übersetzt V. 7 so: „Car cette réalité mystérieuse de l’impiété est déjà en action. Quelqu’un le tenant seulement gardé actuellement jusqu’à ce que, sortant de là, il vienne.“
    Zu Deutsch: „denn diese geheime Wirklichkeit der Gesetzlosigkeit ist schon am Wirken [o.: in Aktion]; nur, jemand hält sie jetzt zurück [o.: in Gewahrsam], bis dass, von dort hervorkommend / ausgehend, es komme“.

f) Andere Stimmen
    Newton und Barnouin sind nicht die Einzigen, die ek mesou geneetai wörtlich auffassen. So übersetzt Alfred Marshall (36) 2Th 2,7 folgendermaßen: „For the mystery of lawlessness already operates, only [there is] the [one] restraining just now until it comes out of [the] midst.“
    Zu Deutsch: „Denn das Geheimnis der Gesetzlosigkeit wirkt schon, nur [da ist] der [eine], der zurückhält eben jetzt, bis es aus [der] Mitte kommt.“
    J. P. Green (37) übersetzt in seiner Literal Translation den Vers so: “For the mystery of lawlessness already is working, only he holding back now, until it comes out of the midst.“
    Zu Deutsch: „Denn das Geheimnis der Gesetzlosigkeit ist schon am Werk [o.: am Wirken], nur [ist (38) er jetzt zurückhaltend, bis es aus [der] Mitte kommt.“
    McReynolds (39) übersetzt: „For the mystery of the lawlessness already operates; alone the one holding down now until from middle he might become.“
    Zu Deutsch: „Denn das Geheimnis der Gesetzlosigkeit wirkt schon; allein, der eine, der jetzt zurückhält [o.: der jetzt Zurückhaltende], bis aus [der] Mitte er werden möge.“
    Zeolla (40) gibt 2Th 2,7 wie folgt wieder: „For the secret [or, mystery] of lawlessness is already supernaturally working, only the one [or, the One] now restraining [will continue to do so] until he [or, He] comes [or, appears] out of [the] midst.“
    Zu Deutsch: „Denn das Geheimnis der Gesetzlosigkeit ist bereits übernatürlich am Wirken, nur der eine, der jetzt zurückhält [wird dies weiterhin tun], bis er aus [der] Mitte kommt [o.: erscheint].“

g) Einwände
    Gegen die vorgeschlagene wörtliche Übersetzung von ek mesou geneetai wurden Einwände vorgebracht.
    - So behauptet E. W. Bullinger, das Gefüge ek mesou ginesthai wäre im klassischen Griechisch in dem Sinne von „aus der Mitte entfernen“ verwendet worden (41). Diese Wendung dürfe man daher nicht wörtlich verstehen. Er führt Plutarch (Timol. S. 238,3), Herodot (3,83 und 8,22), Terence (Phorm. V. 8,30) und Xenophon (Cyr. 4, 2, 26) als Belege an, um seine Behauptung zu stützen.
    - Harold Holmyard argumentiert (42), wenn das gr. Gefüge en mesoo einai „im Wege sein“ (i. S. v.: ein Hindernis sein) bedeute, dann könne ek mesoo ginesthai in 2 Th 2,7 entsprechend ein „Entfernen“ bedeuten.
    Newton dazu: „Das Hauptargument gegen die vorgeschlagene Wiedergabe wird auf den Gebrauch von eis meson, en mesoo und ek mesou gegründet, besonders im klassischen Griechisch... Eis meson wird oft gebraucht von dem, das in die Mitte von Menschen gebracht wird... En mesoo deutet nicht selten an, dass etwas / jemand in der Mitte ist bzw. in die Mitte gestellt wird und im Wege von etwas ist... ek mesou, wenn mit einem Ausdruck für Entfernen verbunden, kann das Entfernen von dem sprechen, das im Wege ist. Die Schrift liefert mehrere Beispiele dieses Gebrauchs, z. B. Kol 2,14... Zwei Stellen bei Herodot werden ebenfalls zitiert als solche, die diesen Gebrauch aufweisen... Doch ist keines der zwei von Wert, wenn es darum geht, die unabhängige Bedeutung von ek mesou festzustellen, weil es weitere Wörter in den Wendungen sind (auch in Kol 2,14), die für den Gedanken des Entfernens verantwortlich sind.“ (43)
    - Ein starkes Argument gegen die vorgeschlagene Lösung ist eine Stelle in der weltlichen griech. klass. Literatur, in der ek mesou ginesthai im Sinne von „sterben“ vorkommt (Aesch. Epist. xii).
    Dazu bemerkt Newton: „Die Stelle, auf die man sich am meisten verlässt, um zu zeigen, dass ek mesou die unabhängige Bedeutung von Entfernen / Entziehen hat, ist [die zitierte] aus Aeschin. Epist.
    Zu dieser Stelle bemerkt Stephens ..., dass gignomai, für sich genommen, nicht den Sinn von ‘abtrennen’ oder ‘entfernen’ bekommen kann. [Das] stimmt ganz offensichtlich... Im ersten Teil der zitierten Stelle spricht [Aeschines] von denen, die durch Tod oder Verbannung entfernt wurden... ‘wenn sie durch Tod oder Verbannung aus der Mitte entfernt worden sind’. Der erste Teil des Satzes bestimmt den zweiten näher. Auch kenne ich keine Stelle, in welcher gignomai oder titheemi oder kathedsoomai oder esomai zusammen mit ek mesou im Sinne von ‘abtrennen aus der Mitte’ gebraucht werden, wo dieser Gedanke nicht aus dem Zusammenhang bezogen wird... Diese verschiedenen Gebrauchsweisen von ek mesou zeigen zur Genüge, wie es für seine jeweilige Bedeutung vom Zusammenhang abhängig ist...
    In dem Satzteil in 2Th 2 ist keine Erwähnung von ‘Entfernung’, nur vom Aufhören des Zurückhaltens. Wer als Zurückhaltender fungiert, mag seine Tätigkeit abbrechen oder sie zum Abbruch veranlassen, ohne dass er selbst entfernt würde bzw. sich selbst entfernen würde... Im vorderen Teil des Satzes ist jedoch kein Wort, das von Entfernen spricht oder es unbedingt andeutet...“ (44)
   
    Das Gefüge ek mesou ginesthai kommt in der gr. Literatur noch an anderen Stellen (45) vor, wo es „entfernen“ bedeuten könnte. Aber man darf nicht außer Acht lassen, dass zwischen der Verfassung des 2Th und den Verfassern dieser Zitate etliche Jahrhunderte liegen. So kann es im Verlauf der Zeit bei gewissen gr. Begriffen oder Wendungen zu einem Bedeutungswandel gekommen sein. Es ist möglich, dass im Weiteren die Kirche in der Übersetzung von ek mesou ginesthai vom Lateinischen her beeinflusst wurde. Im Lateinischen wurde das Gefüge passivisch übersetzt (de medio fiat, d. h.: „von der Mitte [weg] werde“) und i. S. v. „entfernt werden“ aufgefasst, ebenso in der syrischen Peschitta (46). Aber das gr. ginesthai ist eine Mediumform (Sichform); wollte man also den Gedanken des „Entfernens“ annehmen, müsste man, um der gr. Mediumform gerecht zu werden, das Gefüge mit „sich aus der Mitte entfernen“ / „sich wegbegeben“ übersetzen. J. N. Darby bemerkte richtigerweise, dass der Gedanke, dass jemand „wegnimmt“, nicht im Text enthalten sei (47). Die traditionelle passivische Auffassung von ek mesou ginesthai kam also wohl schon früh auf und hatte im Weiteren einen Einfluss auf die Übersetzung dieses Gefüges. Johannes Chrysostomos (selbst Liebhaber der griechischen Sprache – wie auch sein Lehrer Libinius) lebt im ausgehenden 4. Jh., im röm. Reich, in einer von Rom geprägten Kirche; er bedauert in seinen Schriften, dass die lateinische Literatur so starken Einfluss auf das Griechische hat.

h) Vermeidbare Schwierigkeiten
    Auch inhaltlich spricht vieles gegen die traditionelle Übersetzung. Folgt man ihr, so entstehen unnötige Schwierigkeiten:
    Wenn der Zurückhaltende zuerst „entfernt werden“ muss, ehe das Geheimnis der Gesetzlosigkeit ungehindert wirksam werden kann, bleibt unklar, wer oder was das Zurückhaltende ist. Durch die traditionellen Übersetzungen wird für den heutigen Leser der „jetzt Zurückhaltende“ zu einem Geheimnis, zu etwas, das nur die von Paulus unterwiesenen Thessalonicherchristen wussten.
    Im Falle der oben vorgeschlagenen Übersetzung von ek mesou geneetai lösen sich die Schwierigkeiten auf. Es muss nicht jemand „weggenommen“ werden, und der Zurückhaltende ist leicht zu identifizieren. (S. u.)
    Es ist entscheidend, was und wer zurückhält, denn davon hängt ab, ob das Pronomen in geneetai sich darauf oder auf den Gesetzlosen bezieht.
    Dass in der gr. Literatur ek mesou ginesthai in gewissen Zusammenhängen die Bedeutung von „sich entfernen“ bzw. „sich aus der Mitte wegbegeben“ [gr. Mediumform, im Dt. nicht passiv!] annehmen kann, soll nicht geleugnet werden. Das hängt von dem jeweiligen Zusammenhang ab. Im NT und in der gr. Üsg. des AT jedoch gibt es keinen solchen Fall. Die richtige Übersetzung von 2Th 2,7 hängt mitunter von der Identität des katechoon (des Zurückhaltenden) ab. Dieses (bzw. dieser) Zurückhaltende muss, wie man erkannt hat, größer sein als das Geheimnis der Bosheit, ja, sogar größer als Satan, der Hintermann, der in den Versen danach gleich erwähnt wird.
    Der „Zurückhaltende“ kann somit nicht das römische Reich sein, auch aus zwei anderen Gründen nicht: Es ist nicht mehr vorhanden; der Mensch der Sünde ist aber noch nicht da. Und auch wegen seines Wesens kann es nicht Rom sein. Auch wenn Rom für Gesetz und Ordnung bekannt war, darf es deswegen nicht idealisiert werden, denn seine Geschichte ist durchzogen von Intrigen, Streitigkeiten und viel Ungerechtigkeit. Auch kann es nicht das zukünftige neu erstandene römische Reich sein, denn eben dieses soll ja das antichristliche Reich sein, in dem sich das Geheimnis der Bosheit offenbart.
    Das Zurückhaltende könnte im Prinzip der Heilige Geist sein, aber diese Lösung ist hier zu weit hergeholt. Zwar ist der Geist in und unter den Entrückten, aber als der allgegenwärtige Gott ist er größer als die weggeraffte Gemeinde. Übrigens ist es gerade durch den Geist Gottes, dass der Rest Israels am Ende der großen Bedrängnis zur Buße kommt. Und er ist nicht nur der Geist des Heils und derer, die es angenommen haben, sondern auch der Geist des Gerichts (Jes 4,4), das folgt. Die große Diskussion um die Gegenwart des Geistes in der so genannten Trübsalszeit erübrigt sich also schon aus diesem Grunde. Der Heilige Geist bleibt bei den Heiligen, wo immer sie sind. Solange es Heilige auf Erden gibt, ist der Geist bei ihnen und in ihnen; und durch sie wirkt er, überführt er, spricht er (Off 11). „In ihnen“ war er auch im AT (1P 1,11). Und als der allgegenwärtige Gott bleibt der Geist auf der Erde, solange sie besteht.
    Nebenbei bemerkt: Wer sagt, in der antichristlichen Zeit sei der Geist „anders“ (nämlich so wie im AT) gegenwärtig als vorher, der möge bedenken: Demzufolge war er auch im AT „der Zurückhaltende“. Wenn aber die Art und Weise seiner Gegenwart im AT damals die Gesetzlosigkeit zurückhielt, warum nicht in der Zeit des Antichristen? Wenn die Zurückhaltung der Gesetzlosigkeit (im AT wie im NT bis heute) auf die Gegenwart des Heiligen Geistes zurückzuführen ist, er aber in der Zeit des Antichristen so gegenwärtig sein soll wie im AT, wie kann er dann zwar im AT der Zurückhaltende gewesen sein, zur Zeit des Antichristen aber als weggenommen gelten?
    Und warum soll die Zurückhaltung des Bösen überhaupt auf die Gegenwart des Gottesgeistes auf Erden zurückzuführen sein? Und warum muss der Heilige Geist weggenommen werden, um der Gesetzlosigkeit das volle Ausbrechen zu ermöglichen? Er könnte auch, ohne sich zu entfernen, mit dem Zurückhalten aufhören. Im Übrigen ist nicht die Erde in erster Linie der Schauplatz des geistlichen Kampfes. (Eph 6,12)
    Es bleibt noch die Möglichkeit, dass mit dem „Zurückhaltenden“ eine Engelmacht bzw. ein Engel (z. B. Michael, Off 12,7; Da 8,10-12;10,13.20.21; 12,1) gemeint ist (48). Aber in diesen Texten geht es nicht um ein Aufhalten einer bösen Entwicklung, sondern um einen Machtkampf. Wenn es aber eine Engelsmacht ist, warum redet Paulus dann so geheimnisvoll von ihr? Warum spricht er nicht offen, nennt er nicht den Engel mit Namen wie Daniel und Johannes (Off) es tun? Und weshalb muss diese Engelmacht (bzw. der Engelfürst) sich entfernen, damit die Gesetzlosigkeit voll zum Ausbruch kommen kann? Und wovon soll sie (o. er) sich entfernen?
    Mit der traditionellen Übersetzungsweise von V. 7 entstehen also Probleme, die in der Auslegungsgeschichte bis heute unlösbar waren (49).

i) Der Danielbezug
    Dass Paulus bei seinen Gedanken in 2Th 2 von Daniel her kommt, dürfte offensichtlich sein. Bevor jedoch Daniel seine eigenen Gesichte schildert, macht er in den Kapiteln 1-6 klar, wer die Geschicke der Völker in der Hand hat, besonders in K. 4.
    Warum viele Ausleger sich beim „Zurückhaltenden“ so verlegen geben, ist unverständlich. Man sagt, die Thessalonicher wüssten es natürlich, wir aber nicht, und daher wären wir aufs Raten angewiesen. Wenn Paulus von den ersten Lesern erwartete, dass sie es wüssten, dann erwartet er es auch von späteren Lesenden. Das zeigt sich gerade daran, dass er es nicht für nötig erachtet, es ausdrücklich zu erwähnen. Den Thessalonichern hatte er es eröffnet, weil sie junge Christen waren. Von späteren Lesern wird erwartet, dass sie die Heilige Schrift schon einigermaßen kennen. Der „Zurückhaltende“ muss also jemand sein, der bald aus der Schrift zu erkennen ist.
    Nun ist nicht nur aus dem Buch Daniel, sondern auch aus vielen anderen Stellen des Wortes Gottes bald klar, wer die Geschichte letztlich lenkt, das eine Mal die Ungerechtigkeit eindämmt, das andere Mal ihr freieren Lauf gewährt. Der Allmächtige handelt dabei ganz persönlich oder auch durch allerlei Mittel, die, zusammengefasst, als ein „Das“ („das Zurückhaltende“; bzw. „das, was zurückhält“, V. 6) bezeichnet werden können. Jesus sprach von Salzkraft.
    Wenn nun Gott der Zurückhaltende ist, kann er aber nicht der sein, der entfernt wird bzw. sich entfernt. „Entfernt werden“ (passiv) ist ausgeschlossen, da niemand über Gott bestimmt und ihn entfernen könnte. Gegen den Gedanken, dass Gott sich selbst entfernen würde, spricht der Wortlaut. Es wäre eine äußerst befremdende Art, das so auszudrücken. Paulus hätte sagen können, dass Gott seine Hand zurückziehen werde, aber kaum, dass Gott sich „aus der Mitte entfernen“ werde. Und nach der Off ist Gott in der Zeit des Antichristus keineswegs abwesend, keineswegs entfernt. Er ist mitten im Geschehen, bewahrt die Seinen (7,1ff; 9,4; 12,6), sendet Warnungsgerichte (K. 8 und 9), warnende Boten (14,6ff), spricht durch Propheten (11,3ff); nichts entgleitet ihm aus der Hand. Von einem sich Entfernen Gottes kann also nicht die Rede sein, im Gegenteil; ruhig bleibt er auf seinem Thron sitzen, wo er auch zuvor saß. Und alles, was geschieht, geschieht auf sein Geheiß. (Vgl. 13,5.7.14.15; 16,16; Sac 14,2; Hes 38,4; 2Th 11.12.)

j) Schluss   
    Es bleibt nur die vorgeschlagene Lösung: die einer wörtlichen Übersetzung von ek mesou geneetai: „aus der Mitte werden / entstehen / kommen / hervorgehen“ bzw. „mitten hervorgehen / hervorkommen“.
    Zusammenfassend seien die wichtigsten Gründe für die vorgeschlagene Übersetzung genannt:
    1.  Sie ist die wörtliche direkte Übersetzung von ek mesou und entspricht der primären Bedeutung von ginesthai.
    2. Sie entspricht dem Gedankengang und Zusammenhang der Stelle mehr als die traditionelle Übersetzung: Etwas, das vorher im Verborgenen vorhanden war, wird schlussendlich aus dem Verborgenen „mitten hervorkommen“.
    3. Sie ist diejenige Übersetzung, die die bekannten Schwierigkeiten für die Erklärung dieser Verse beseitigt.
    4. Sie geht konform mit dem Gesamtzeugnis der Heiligen Schrift, den übrigen Aussagen, die dort zu diesem Thema gemacht werden.
   
   
   
   
   
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 [30] Ob ginesthai im NT die zusätzliche Bedeutung von „sein“ (synonym zu gr. einai = sein) annehmen muss (wie das z. B. W. Bauer vorschlägt), scheint fraglich. Sämtliche Vorkommen von ginesthai, die im NT üblicherweise mit „sein“ übersetzt werden (z. B. Mt 10,16; Mk 4,10; 16,10; Lk 6,49; 13,4; Jh 1,30; 1Kr 16,10), können ebenso mühelos mit Begriffen wie „werden, entstehen, kommen“ wiedergegeben werden, wie die vorliegende Übersetzung zeigt.
[31] wie z. B. auch in Mt 13,21; Mk 4,17; Lk 5,17; Jh 4,23; 5,45; 7,39; 8,50; 1Kr 1,26; 2Kr 8,11; Ga 2,9; 1P 4,17
[32] eigtl.: nur [ist] der jetzt Zurückhaltende; bzw.: nur [ist] der Zurückhaltende jetzt
[33] B. W. Newton, Prospects of the ten Kingdoms of the Roman Empire, 1873/1955, S. 211f
[34]  Vgl. Newton, Notes on Romans, S. 102f.: „The very fact that the words ek mesou geneetai, depend, if connected with ho katechoon, on the preceding clause for their definition, renders them tautological. It is as if we said, only there is at present one that restraineth, who will continue to restrain until he quit the place of restraining. All this last part is implied in the one word arti - at present. In the other case, we learn a fresh truth. We are taught that the mystery of lawlessness which was already working as a mystery, would continue so to work uninterruptedly, not until Antichrist should arise to perfect it, but until it should itself become developed, and then Antichrist appears.“
[35] in dem Aufsatz: La traduction de 2Thess. 2,6.7, in: New Testament Studies 23, 1977, S. 482-498
[36] Alfred Marshall, The R.S.V. Interlinear Greek-English NT, Samuel Bagster and Sons, London, 1968
[37] Jay P. Green, Sr., The Interlinear Bible, Sovereign Grace Publishers, Lafayette, Indiana, 1986
[38] Anm. v. Verf.
[39] Paul R. McReynolds, Word Study Greek-English NT – a Literal, Interlinear Translation, Tyndale House Publishers, Inc.Wheaton, Illinois, 1999
[40] Gary F. Zeolla, Analytical-Literal Translation of the NT, Darkness to Light ministry, http://www.dtl.org, 2001
[41] „[...] The same usage is seen in the classics: Plutarch (Timol.( p. 238,3); Herodotus (3,83 and 8,22); Terence (Phorm. v. 8,30); and Xenophon (Cyr. 5, 2, 26). It is absurd therefore to take this idiomatic phrase literally (as B.W. Newton does) and render it: ‘until he (Antichrist) arises (or is revealed) out of the midst’“ - Ethelbert W. Bullinger (1837-1913), Commentary on Revelation, Grand Rapids, Kregel-Classics, Repr. 1984 der 3. Aufl. von 1935; S. 407
[42] in einem amerikanischen Internetforum für Bibelgriechisch (http://lists.ibiblio.org/pipermail/b-greek.html): „A good argument in my opinion is that the Greek phrase en mesoo einai means to be in the way in the sense of being a hindrance. So the phrase ek mesoo ginesthai in 2 Thess 2:7 naturally can suggest the removal of such activity.“
[43] „The chief argument against the rendering proposed is founded on the use of eis meson, en mesoo and ek mesou, especially in classical Greek... eis meson – is frequently used of any thing brought into the midst of men ... En mesoo not unfrequently signifies ‘interposition’ or the being in a middle place, so as to stand obstructively in the way of any thing... ek mesou sometimes, when connected with words signifying removal, implies removal from such obstructive place. Scripture supplies several examples of this use of ek mesou, e.g., Col 2:14: exaleipsas to kath heemoon cheirographoon tois dogmasin, ho een hüpenantion heemin, kai auto eerken ek tou mesou &c. Two passages from Herodotus are also quoted as shewing a similar use of ek mesou, viz., Herod. 3:83 and 8:22(3). But neither of these two passages are of any value in determining the independent force of ek mesou, because the words kathedsesthai and esesthe, as here used, necessarily give to ek the meaning of „secession“, quite as much as its conexion with airoo in Col 2:14 gives to it there the meaning of removal.“ Newton, Notes an Romans, S. 96-97
[44] „The passage most relied on, to shew that ek mesou has the independent force of removal or withdrawal, is from Aeschin. Epist. The passage is as follows: tis gar ouk oiden, hoti apothanontes hoi anthroopoi houtoi kai pheügontes ek tees patridos, tote dee kai malista, hopoioi tines egenonto tous tropous, diadeiknüntai; kai gar ha sünekrüpton autoi proteron, ek mesou genomenoon anapheinetai katharoos (Aesch. Epist. 12). On this passage Stephens remarks ... that gignomai, taken by itself, cannot imply ‘secession’ or ‘removal’ [This] is very obviously true... In the first part of the passage quoted, he [Aeschines] speaks of those removed either by death or by banishment... – ‘when by death or banishment they have been removed out of the midst’. The first part of the sentence defines the second. Nor do I know any passage in which gignomai or titheemi or kathedsoomai or esomai are used with ek mesou in the sense of ‘abstraction or separation from the midst, in which that meaning is not derived from the context... These various uses of ek mesou sufficiently show, how it must depend on the context for its specific definition... There is in this clause [in 2Th 2] no mention of ‘removal’ but only of cessation of restraining agency. One who acts in the way of restraint may suspend his agency or cause it to cease without being himself removed or even withdrawing himself... But there is no word in the former part of the sentence that denotes or necessarily implies removal...” Newon, Notes on Romans, S. 97ff.
[45] z. B. Plutarch Timoleos 5,4; Plutarch, Vergleichung von Nikias und Crassus, 2,6; Chrysostomos, Matth.komm. 54. Homilie - XVI, 13-23; Chrys., De diabolo tentatore, homiliae 1-3; Chrys., In epistulam ad Romanos, 155 60.659.25; Chrys. Ephes.komm. II,17- III,7; Chrys., Ephes.komm. VI,5-13; Cyrill v. Alexandria, Commentarii in Joannem, 002 1.702.27; Cyrill, Johann.komm. XII,32; Theodoret, Eranistes 002 154.11; Severian, Fragmenta in epistulam II ad Thessalonicienses, 047 334.23.
[46] Die syrische Peschitta übersetzt ek mesou geneetai mit at’cm nm laqtschn ... George Lamsa übersetzt das in seiner Peschitta-Übersetzung mit „is taken out of the way“, David Bauscher in seiner Interlinearübersetzung der Peschitta mit „will be taken from the midst“. … Das Verb in 2Th 2,7 ist eine Passivform. … Die syrische Harklensis, die sich sonst bedenkenlos dem Griechischen anschließt, stimmt hier mit der Peschitta überein. (Aus einem Beitrag von Markus Lembke, dt. Bibelgriechisch-Forum)
[47] „The only fault in this translation [taken away from the midst, Anm. Verf.] is that it expresses the thought that there is someone who takes away, which is not said”; The writings of J. N. Darby: Letters: Vol 3, 209.
[48] William Arnold III schreibt in „The Post Tribulation Rapture“ (http://www.apostolic.net/biblicalstudies/post/link4.htm): „Daniel says that the time of distress begins right after Michael gets up (Dan. 12:1). The Greek in our passage for ek mesou geneetai could also be translated until he steps out of the way (NLT), until he be gone (Darby) … Possibly, the masculine reference is to Michael personally, and the neuter is to the angelic army as a whole. The antichrist would not be revealed, then, until Michael and his forces get out of the way.“ Für den Engelsfürsten Michael als „Zurückhaltenden“ argumentiert auch Nicholl, Colin R. in: From Hope to Despair in Thessalonica: Situating 1 and 2 Thessalonians, Cambridge University Press, 2004, S. 27-53
[49] L. J. Lietaert Peerbolte (in: The katechon-katechoon on 2.Thess. 2:6-7, Kampen; Novum Testamentum, Vol. 39, Fasc. 2 (Apr., 1997), pp. 138-150) erkennt dieses und gibt die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten an, die alle nicht befriedigen. Er selbst kommt zu einer bibelkritischen „Lösung“, die noch weniger zufriedenstellend ist.

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